berliner szenen

Scheiß Musical-Parallelwelt

Ich bin mal wieder im Supermarkt und verfluche alles. Das Einkaufen, das Anstehen, das anschließende Geschleppe bis nach Hause und dann auch noch das Kochen. Die Mahlzeiten sind eine logistische Aufgabe geworden, derer ich müde bin. Die Kinder könnten doch auch mal, denke ich, und mir fällt ein, dass die Kinder schon mal einkaufen, sie kochen auch ab und zu, aber gegen den Pubertätshunger kommt niemand an. Meine Nachbarin O. erzählte, wie sie an einem Freitagabend zwei große Brote kaufte und annahm, das sollte für das gesamte Wochenende reichen. Am Samstagmorgen fand sie nur noch Krümel im Brotkorb. „In diesem Moment wusste ich, dass sich etwas ändern muss“, sagte sie. „Eine Ernährungsumstellung der anderen Art. Ab da gab es Bananen satt, weiße statt grüne Bohnen und Gemüse nur noch mit Käse überbacken. Deine Rettung sind Toastbrote und Tiefkühlpizza“, sagte sie überzeugt. Ich zog ein Gesicht. „Ich hasse Tiefkühlpizza, aber Bananen sind eine gute Idee.“ Ich nehme also noch 10 Bananen zu all dem anderen und stelle mich mit vollem Einkaufswagen an der Kasse an.

Vor mir steht ein unruhiger Mann. Er tänzelt hinter seinem Wagen. Plötzlich hebt er einen Arm und ruft der Kassiererin zu: „So öffnen Sie doch eine zweite Kasse.“ Es klingt theatralisch, geradezu bühnenreif. Die Kassiererin schaut hoch, hebt ebenfalls einen Arm in ausladender Geste: „So lassen Sie mich Bescheid geben.“ Der Mann antwortet im gleichen Singsang wie zuvor: „Ich danke Ihnen – vielmals.“ Die Leute kichern.

Ein schlaksiger Junge mit Bartflaum, der von rechts ankommt, sagt zu seinem Freund: „Und jetzt sind wir auch noch in’ner scheiß Musical-Parallelwelt gefangen.“
Sein Freund guckt ausdruckslos und sagt: „Lass mal’n Döner essen gehen.“ Und da verstehe ich die gesamte Tragik der Pubertät. 
Isobel Markus, Berliner Szenen der Taz, 15. September 2020