berliner szenen

Ich stehe an der Kasse in der Drogerie, als es am Eingang laut piept. Ein Vater mit einem vor dem Bauch gebundenen Tragetuch, aus dem lediglich ein paar knubbelige Säuglingsbeine heraushängen, bleibt im Eingang stehen und guckt erschreckt.
„War ich das?“, fragt er den Kassierer. Der zuckt die Achseln. „Kann schon sein.“
„Aber ich komme ja gerade erst“, sagt der Vater.
Der Kassierer lacht: „Sie meinen, wenn Sie rausgehen, piept es in jedem Fall?“
Der Vater leicht gestresst: „Aber nein.“
„Sollte nur ein Witz sein. Ich rufe jemanden“, sagt der Kassierer. „Ist gleich da.“
Er zieht meine Einkäufe weiter über den Scanner. Der Vater geht noch einmal durch den Eingang und es piept wieder. „Okay, also ich bin es wirklich“, ruft er dem Kassierer zu. Der nickt und sagt: „Waren Sie grad irgendwo einkaufen? Vielleicht ist es eine Fremdsicherung.“
Inzwischen ist eine Mitarbeiterin eingetroffen und begutachtet den Vater von oben bis unten. „Vielleicht ist es Ihr Handy, geben Sie mal her.“
Der Mann gibt ihr sein Handy und geht wieder durch die Tür, es piept.
„Dann mal Ihr Portemonnaie, und haben Sie noch Karten oder einen elektronischen Schlüssel?“
Der Mann räumt leicht genervt seine Hosentaschen und gibt ihr alles in die Hand, geht durch die Tür, und es piept wieder.Die Mitarbeiterin guckt auf sein Tragetuch und sagt: „Dann muss es wohl das Baby sein.“ –
„Wie“, fragt der Mann.
„Na, vielleicht müssen Sie mal das Tuch abmachen.“
„Jetzt piept’s wohl bei Ihnen“, sagt der Vater, „das Kind schläft endlich, und das Tuch bekomme ich allein gar nicht mehr angelegt.“
Sie reicht ihm seine Sachen zurück und sagt: „Ist okay. Lassen wir’s einfach.“ Der Kassierer an der Kasse grinst mich an und sagt: „Is klar. Wenn’s bei allen piept, hört man es irgendwann gar nicht mehr.“

Isobel Markus, Berliner Szenen der Taz, 28.08.2020