short stories

Pläne

Ich sehe Sten an der Ampel, mein Herz klopft, obwohl ich ihn kaum wiedererkenne. Er hat dieselbe Jacke an wie damals, aber längeres Haar und einen Bart. Ich überlege, wie lange es her ist. Ein sehr langes Jahr.
Oft habe ich gehofft, ihn zu treffen. An der Kasse im Supermarkt, im Antiquariat, über dem er wohnt, an der Ampel oder beim Bäcker. Aber ich habe jetzt einen anderen Rhythmus als früher, denke ich, und schaukele den Kinderwagen vor mir, in dem das Kind endlich schläft. Wenn ich auf Stens Platz am Küchentisch sitze, höre ich manchmal noch sein fremdes Klingeln an der Tür. Aber jetzt ist es immer bloß der Postbote oder die Müllabfuhr.

Damals hatten Sten und ich eine Abmachung. Wenn Sten neben mir herging, seine großen Füße den Staub der Jahreszeiten aufwirbelten, setzte sie sich in den Vierklang unserer Schritte und auf den Takt unserer Wege, die wir nicht planten, uns stattdessen auf ihnen treiben ließen. Entlang der Seen in der Umgebung oder durch die Kneipen der Stadt, von seiner Wohnung zu meiner, zwischen unseren Sätzen oder in den Sitzen der Kinos, deren Filme kommentarlos an uns vorbei rauschten. Kein Plan lautete die Abmachung. Keine Ernsthaftigkeit, keine Realität, keine Dramatik, kein Zwang. Einfach unkompliziert. „Pläne“ weiterlesen

Wolken

 

Am Rand des Lebens klafft ein Loch. Es ist versteckt, man sieht es nur, wenn man genau hinschaut oder die Wolken davor etwas beiseite schiebt. Aber es ist da, und man weiß es.

 

Die Gabel berührt seine Lippen und sie hasst das Geräusch, das die Zähne auf dem Metall machen. Mechanisch, als würde er lieber nicht den Mund schließen, widerwillig, als wäre ihr Essen nicht nach seinem Geschmack oder als hätte er schon gegessen und sie sich keine Mühe gegeben.

Dann, wenn er nach Hause kommt wie zu einem Pflichttermin. In das Zuhause zu ihr wie ein Besucher, wie zu einer Stippvisite, wie zu seinen Rufdiensten, die er schiebt, ständig und immer. Rufdienste zu der Anderen, seiner Familie. Rufdienste zu seinen Patienten. Rufdienste zu ihr. Dass sie ihn schon länger nicht mehr rief, schien ihm nicht aufzufallen, weil er einfach kam, wie er kam, aus Gewohnheit. Und dann widerwärtig kaute.

Sie sieht ihn an und bemerkt ein Barthaar, das übrig blieb, übersehen in dem glatt rasierten Gesicht, das mit den Bewegungen des Kiefers vor und zurück rückt. Herausziehen würde sie es gern, langsam und mit der Wurzel. Es würde schmerzen und er wäre entrüstet, aber das käme ihr gerade recht.

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Der gelbe Gunther

Unten am Hügel steht Gunther in seinem Parka und winkt mit einem dicken Arm wie einer, der ertrinkt. Wie jeden Morgen verfluche ich diesen Moment. Und wie jeden Morgen habe ich keine Wahl.
Ich sehe absichtlich nicht hoch, stelle mich taub und blind, beobachte das Gehen meiner Füße, links vor, rechts vor, und ich weiß, wie er da steht mit dem nach hinten gelegten Kopf, eine Hand am Träger des Rucksacks, die andere hocherhoben.
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