Sturm

 

In der Nacht hatte es einen Sturm gegeben. Er hatte an den Fenstern gerissen und sich erfolglos an den Dachschindeln versucht, schließlich die kranke Kastanie gefällt, sie über den Zaun und tief in den Rasen dicht ans Nachbarhaus gedrückt. Dicht, aber nicht dicht genug, um etwas zu zerstören.

Durch die Fenster sah Anjas Rosenbeet aus, als wäre er mit dem neuen Rasenmäher darüber gefahren. Und es hatte die braunen Blätter vom Rasen in alle Winde geweht.  Gut, dachte er.

Als er vor die Haustür trat, war die Luft schwer von Erde und Zerstörung und er witterte Maßlosigkeit. Unbändig leichtfüßig schritt er über die Tonscherben, die auf dem gewundenen Kieselweg unter den Sohlen knirschten. Auf dem Bürgersteig säumten herausgerissene Blumen die Beerdigung umgekippter Mülltonnen der Nachbarschaft. Ihr Inhalt erbrach sich über das Pflaster.

Er hätte sich das letzte Sommerfest der Siedlung am nächsten Morgen in ähnlicher Szenerie gewünscht. Hemmungslose Ausgelassenheit anstatt der ewig gleichen Grillwürstchen, der faden Bowle in Plastik- Bechern, gehalten mit verschränkten Armen über gekreuzten Beinen, neben den Gesprächen über Gartenhäuser und Teiche.
Die eigene Mülltonne war leer. Einen Teil ihres wöchentlich recycelten Lebens erspähte er im neuangelegten Teich nebenan.  Gut, dachte er noch einmal, als er die Sushi-Verpackung von vorgestern auf dem Wasser schwimmen sah.

Was fressen deine Karpfen, hörte er sich den Nachbarn fragen, Interesse heuchelnd. Leider nicht euren Kater, hatte der gesagt und gelacht, während er ihm auf die Schulter klopfte. Gut, hatte er gedacht, jetzt lasse ich ihn erst Recht weiter auf Deine Terrasse kacken.

Er dachte an den Blick des Nachbarn auf Anjas Hintern und wie er ihn im Verdacht hatte, ihr nicht ohne Grund beim Heraustragen der Teller helfen zu wollen. Er hatte zur Frau des Nachbarn herübergesehen und wirklich nicht tauschen wollen, also war er ihnen hinterher gegangen. Als er im Flur stand, hörte er es wispern und er plötzlich bekam er Angst, um die Ecke zu gehen und die beiden in seiner eigenen Küche umschlungen zu sehen. Er räusperte sich laut und als er eintrat, stapelten die beiden harmlos und geschäftig Teller auf Teller und er war ihnen zur Hand gegangen.

So ein schöner Teich, hatte Anja gestern Abend noch gesagt und versonnen auf das Wasser geguckt. Und er hat sogar die Fensterrahmen gestrichen. Dann war sie zurück ins Haus gegangen, ohne ihn noch einmal anzusehen. Er war ihr kurz danach gefolgt und hatte das Blättern der Farbe an den eigenen Fenstern ignoriert.

Es braucht das Chaos, um getrost aus dem Rahmen fallen zu können, dachte er jetzt.

Bedächtig holte er den Kescher aus der Garage, ging durch die aus den Angeln gerissene nachbarliche Gartenpforte und überlegte, welche der Karpfen dem Kater wohl am besten schmecken würden.