Aussicht

Gerd sitzt auf seinem Platz auf dem Sofa und denkt an nichts. Er denkt so lange an nichts, bis er selbst findet, dass es schwierig ist, an nichts zu denken.
„Siehst du“, hätte Elke jetzt triumphierend gesagt. „Hab ich es doch gewusst.“
Elke hat ja immer alles gewusst.
„Woran denkst du?“, fragte sie ihn beispielsweise wieder, wenn im Fernsehen eine Werbung mit einem dieser Mädels im Bikini kam.
„An nichts weiter“, antwortete er mit verhaltenem Blick.
Sie schnaubte verächtlich: „An nichts denken ist unmöglich. Man kann nicht an nichts denken. Sag doch einfach, dass sie dir gefällt.“
„Wer?“, seufzte er harmlos, aber innerlich ergeben und sie zeigte mit hektischen Armbewegungen auf den Bildschirm. „Na, das junge Ding da, das sich mit Sonnenöl einreibt.“
„Aber Elke,“ sagte Gerd da und dachte an nichts weiter, während Elke ihm erklärte, dass schließlich alles manipuliert und daher das Sonnenöl sicherlich in Wirklichkeit widerliches Rapsöl sei und das Mädchen eigentlich eine alte heruntergekommene Mitte-40-Jährige, die mit gutem Licht und Computerkram zu einer jungen 20-Jährigen gemacht wurde. Außerdem wäre sie auf jeden Fall magersüchtig, so wie die aussah, eben wie all diese Models heutzutage und überhaupt schon allein deshalb gar nicht so gesund sein konnte, wie sie wirken sollte. Und ob Gerd finden würde, dass es ok wäre, all das zu unterstützen?
Dann holte Elke Luft und dazu eine Tüte Chips aus der Küche, über die sie sich hermachte, bis sie die Tüte mit den letzten Krümeln und mit angewidertem Gesicht vor ihm auf den Tisch warf und sagte: „Dieses schreckliche Zeug. Morgen habe ich wieder ein ganzes Kilo mehr drauf. Warum hast du mich nicht abgehalten?“

Gerd schüttelt sich jetzt und nimmt einen langen Schluck direkt aus der Bierflasche.

„Kannst du nicht ein Glas nehmen?“, hätte Elke in dem Fall gefragt und wenn er aufgestanden wäre, um sich aus dem Schrank eines der Wassergläser zu holen, hätte sie verächtlich gesagt: „Na also, geht doch.“

Gerd nimmt gleich noch einen zweiten Schluck aus der Bierflasche. Hinter dem Rand der Flasche liegt das leere Wohnzimmer. Das Zimmer, in dem sie zusammen gewohnt haben, und in dem ihre Möbel standen. Bis vor kurzem dachte er noch, dass die Möbel ihre gemeinsamen waren und ihnen auch gemeinsam gehörten, aber er ist eines Besseren belehrt worden. Jetzt weiß er, was alles seins und was ihres war. Das durchgesessene Sofa und der alte Fernseher gehörten ihm, der kaputte Ständer für die Zeitungen und die nicht mehr zu rettende Zimmerpflanze auch, die neuen Gläser dagegen, der teure Couchtisch, der Schrank seiner Oma, das Bild über dem Sofa von Eric Clapton, die Beistelltische und die Pflanzen, die gut aussahen, gehörten Elke. So war das nämlich.

„Wie isses so?“ hatte Thomas gestern am Telefon gefragt.
„Verwüstet“, hatte Gerd geantwortet, auch wenn er wusste, dass Thomas darunter vielleicht etwas anderes verstand. Das Wohnzimmer lag vor ihm wie seine Abende. Eine Wüste, staubig und leer.

Gerd schaltet den Fernseher ein und legt die Füße in Ermangelung des Couchtisches auf das Sofa. Es läuft T2 und er sieht dem T-1000 in Gestalt eines Polizisten beim Rennen zu, bis der sich in eine silberne Pfütze verwandelt. Dann kommt Arnie. Gerd lehnt sich zurück und versucht, alles gut zu finden. Das leere Zimmer (was braucht man denn auch all den Scheiß), das Trinken aus der Flasche (schmeckt einfach viel besser so), die Füße auf dem Sofa (viel bequemer als auf dem Tisch) und Arnie (ja, ja, der Film IST unlogisch, verdammt noch mal, aber das ist doch so was von egal).
Fast hört er Elkes Stimme neben ihm: „So ein unlogischer Quatsch. Was soll immer das mit der Pfütze? Und dann dieser Schwarzenegger.“
„Schon gut“, pflegte Gerds Hand auf ihrem Bein zu tätscheln. Jetzt tätschelt seine Hand die Lehne.

Gerd erinnert sich an die Fahrt letzten Sommer an den See. Sie hatten mit Elkes Kollegen Manfred und seiner Frau Irina zwei Campingwagen nebeneinander gemietet. („Aber nicht, dass du ihr ständig wieder auf den Hintern starrst!“)
Elke hatte von Anfang an auffallend viel gelacht, sich die Nägel dunkel lackiert und kurze Kleider getragen. Der Stoff spannte prall über ihrem Popo und im Vorbeigehen kniff Gerd sie liebevoll hinein. Sie wehrte seine Hand ab und sah dabei zu Manfred herüber. Manfred trank das Bier aus der Flasche, starrte jeder fremden Frau auf die Brüste und dann noch auf den Hintern und kannte alle unlogischen Actionfilme auswendig. Wenn das Bier alle war, schickte er Irina Neues holen und legte die Füße auf ihren Stuhl, so dass sie seine Beine freundlich herunter heben musste, wenn sie sich wieder setzen wollte.
„Manfred würde sich bestimmt nicht von dieser einen Schmeißfliege scheuchen lassen“, zeterte Elke abends aus dem Bett, während Gerd seit zehn Minuten mit dem Hausschuh in der Hand versuchte, das Mistviech zu fangen.
„Nee, der scheucht Irina, damit sie die Fliege kriegt“, antwortete Gerd und schlug unkoordiniert gegen den kleinen Vorhang, sodass die Stange herunter fiel. Elke stöhnte und drehte sich auf die Seite.
„Findest du eigentlich meine Beine schön?“, fragte sie ihn dann noch, als er schon fast eingeschlafen war.
„Klar, meine hübsche Pummelmaus“, brummelte er. Sie seufzte.

Als sie am Ende der Woche wieder in Richtung Heimat fuhren, meinte Elke plötzlich: „Irgendwie unlogisch, dass der Weg zurück immer kürzer ist.“
„Hm“, machte Gerd. „Vielleicht, weil man die Aussicht schon kennt.“
„Ich kenn die Aussicht nicht. Musste ja in die Karte gucken auf der Hinfahrt, weil du dich nie auskennst“, hatte Elke entgegnet und Gerd hatte an gar nichts gedacht.

Wieder daheim, gab es erst einmal keine besonderen Vorkommnisse. Er holte sich jeden Abend ein Glas aus dem Schrank, ließ die Füße auf dem Teppich und legte sie erst auf den Tisch, wenn Elke eingeschlafen war, schaltete bei den Sonnencreme-Werbungen immer sofort um und versuchte, ihre logischen Hinweise bei „Mad Max – Der Vollstrecker“ auszublenden. Eigentlich war alles gut.

Bis Elke dann an einem Abend in der wichtigsten Szene von „Mission Impossible“ vor dem Bild stehen geblieben war, ohne aus dem Weg zu gehen oder sich auf das Sofa zu setzen.„Ich gehe zu Manfred“, hatte sie gesagt und Gerd hatte eine Armbewegung gemacht, als wollte er eine lästige Fliege verscheuchen, bis er in ihr Gesicht sah und sagte:
„Versteh ich nicht. Was willst du denn noch so spät bei Manfred und Irina?“
„Irina ist ausgezogen. Jetzt gehe ich zu ihm“, sagte Elke und war schon aus der Tür gewesen.
Gerd hatte sich dann erstmal noch ein Bier aufgemacht, das Glas ignoriert, die Füße hochgelegt und während Tom Cruise die Mission Impossible vollendete, an gar nichts gedacht.

Jetzt ist T2 vorbei. Mit der Fernbedienung schaltet Gerd weiter. Bei einer Werbung für Sonnenöl macht er Halt. Er sieht, wie schmierig ihre Haut glänzt (Rapsöl, denkt er), und wie mager das Mädchen ist, als sie sich den Bauch eincremt. Sie gefällt ihm nicht mal.
Er steht auf und holt sich aus der Küche eine Tüte Chips und einen Kaffeebecher.
Er schenkt sein Bier in den Kaffeebecher und reißt die Tüte auf. Und während er die Chips isst und das Bier aus dem Becher trinkt, hofft er, dass Elkes Weg zurück kürzer ist. Die Aussicht kennt sie ja.