Die Nische

In der Nische unter der Treppe kauert er, wartet, dass es aufhört da oben. Das Kinn zwischen den Knien bewegen sich die Füße, schaukeln ihn hin und her, ohne Pause seitdem er sitzt und wartet.

Manchmal kommt jemand vorbei. Er hört Schritte, erkennt die Person hinter dem Klackern, Knirschen, Schlurfen, bevor er sie sehen kann. Die Schuhe, eine Mülltüte oder eine Handtasche. Er ist gut darin und er weiß, was sie wissen, was sie denken. Er weiß, sie hören es, so wie er, wenn das Schaukeln aufhört. Und er hasst sie dafür.

Er sieht schon lange was sie denken. Sah ihre Blicke, wenn man sich traf, vor den Mülltonnen, im Hof, wenn er die Steine springen ließ, gegen die rote Mauer und das Echo in seinem Kopf blieb bis es Abend wurde und niemand ihn rief.

Manchmal ärgerte er dann das Mädchen aus dem anderen Block. Sie hatte Schleifen im Haar, die ihn störten. Auch ihr Blick störte. Ihre Augen, die ihn anblickten, mitten ins Gesicht. Er quälte sie, damit sie wegschaute, aber sie tat es nicht, weinte irgendwann und sah ihn an. Es war immer das Gleiche. Hinterher tat sie ihm leid. Er wollte ihr den Mund zuhalten, etwas sagen, irgendwas, nur damit sie aufhörte. Aber er tat es nie, er ging einfach.

Mit dem Daumen zerquetscht er eine Ameise auf den Fliesen, holt einen Popel aus der Nase und klebt sie an die Wand hinter ihm. Es sind viele inzwischen. Ein Mosaik aus verpopelten Ameisen.

Sein Bauch knurrt und er überlegt, ob er zum Kiosk geht. Die grünen Schlangen mag er und wenn die Alte sich mit schweren Knochen auf ihren Hocker setzt, kann man schnell noch ein paar Schlümpfe greifen.

Er holt den Schein aus dem Socken und sieht ihn an. Er lag heute früh auf dem Tisch in der Küche.

Als sie kamen, roch er ihr Parfum, das durch die Räume kroch und ihn ekelte. Gläser und Lachen, sie waren laut, während er versuchte nichts zu hören und noch mal zu schlafen. Als Ruhe war, stand er auf, nahm den Schein und lief zum Klettergerüst gegenüber. Es war noch früh und Sonntag, die Fenster zu und er pisste in den Busch vor der Sandkiste.

Später, beim Reingehen, dann, als die Fenster geöffnet wurden oder gekippt, als die ersten Männer gingen, verquollen, aber mit gekämmten Haaren, als sie wiederkamen, mit Brötchentüten in der Hand oder einem Bier, da hörte er es schon im Treppenhaus aus ihrer Wohnung.

Die Haustür quietscht, wieder Schritte auf der Treppe, jemand kommt, langsam und leise. Er lauscht, überlegt.

Ein Schlüssel fällt und dort liegt er, nur wenige Meter vor ihm. Er schaut ihn an. Ein Ring mit Schlüsseln, kleine und große und ein Anhänger, ein Delphin. Es ist still, das Schaukeln hat kurz aufgehört, während er die Luft anhält, den Delphin anstarrt, dann ein Rascheln und Füße, direkt vor ihm. Sie sind klein, die Zehennägel rot und in braunen Sandaletten aufgereiht wie die Blumen im Kasten von der unten rechts. Er sieht eine Hand, einen Arm, nackt wie die Finger, die den Delphin greifen, dann die Füße, die weitergehen. Über ihm nehmen sie die Treppe, langsam, bis es wieder raschelt. Diesmal fällt eine Tüte. Eine vom Bäcker. Sie fällt dorthin, wo vorher der Schlüssel lag und jetzt hört er die Schritte schneller laufen.

Er rührt sich nicht, horcht angestrengt auf die Bewegung, auf das Geräusch des Schlüssels an einer Tür weit oben, denkt an den Delphin und an die roten Zehen, hört das Schließen und endlich das Klicken der Tür im Schloss.

Er wartet, die Füße schaukeln wieder, er wartet und überlegt, den Blick auf die Tüte gerichtet. Er wartet lang und er hat Hunger.

Erschienen in: Umlaut Magazin, Heft 02, Okt-Dez. 2008