Elefanten

„Hyäne“, sagt Timo beim Hereinkommen und Dorothee merkt sofort, dass er Frau Dr. Karting nicht mag. Timo verteilt seit dem Unfall recht eindeutige Tiernamen. Sie nehmen auf dem Sofa vor dem breiten Schreibtisch Platz und Timo starrt an Dr. Karting vorbei auf die Tapete.
Seit dem Unfall achtet Dorothee zwangsläufig ebenfalls auf Tapetenmuster. Hier ziehen sich Blumen-Ornamente in vertikalen Bahnen über die Wände. Zum Glück keine Raufaser. Timo macht die Unvorhersehbarkeit von Raufaser wahnsinnig. Er hat es gern absehbar. Entweder symmetrisch oder auf andere Weise ordentlich. Gefangen starrt Timo auf das Muster. Dorothee hofft, dass er keinen Fehler entdeckt. Etwa beim Anschluss der Klebebahnen. Timo verzweifelt, sobald sich eine Ordnung unterbricht.

„Timo“, sagt Dr. Karting jetzt, „gefällt dir mein Zimmer?“
Timo wird unruhig und Dorothee greift nach seiner gekrümmten rechten Hand.„Spinne“, antwortet Timo und Dorothee hält die Luft an. Sie ist sich jetzt sicher, dass Timo die Ärztin nicht ausstehen kann. Sie lächelt entschuldigend, aber Dr. Karting nimmt gar keine Notiz von ihr. Sie nickt nur.
Timos linkes Bein schlägt unkontrolliert aus. Spastiken, hatte der Neurologe ein paar Monate nach dem Unfall gesagt. Die und die Schluckbeschwerden würden vom Schädel-Hirntrauma herrühren. So wie alles seitdem. Dorothee seufzt leise und streichelt Timos verkrampfte Finger.
Die rechte Hand öffnet er seit dem Unfall selten. Wie die Tülle einer Kaffeekanne steht der Arm vor seinem Bauch, die Hand daran wie ein Henkel. Manchmal wird dieser Arm zum Rüssel eines Elefanten.
„Elefant“, sagte Timo zum Beispiel gestern und machte ein trompetendes Geräusch. Dorothee sah ihm zu, wie er durch die Wohnung stapfte. Sie glaubte, er wolle sie aufheitern und sie lachte ihm zuliebe.
„Warum denn Elefant, Timo?“, fragte sie ihn, aber er antwortete nicht. Dorothee vermutete, dass er sich selbst so sah. Elefanten waren stark, aber hochsensibel, und manchmal weinten sie.

Eine Assistentin kommt herein und legt Dorothee einen Umschlag hin. Dorothee seufzt wieder, diesmal unhörbar und lässt Timos Hand los, um den Umschlag in ihrer Tasche zu verstauen.
Sie hat seit dem Unfall so viele offene Rechnungen, dass sie nicht weiß, welche sie zuerst ignorieren soll. Tagsüber ist sie abgelenkt, aber nachts in ihren Träumen tauchen die Zahlen auf, summieren sich, drücken sie im Schlaf an die Wand und pressen ihr die Luft ab. Dann erwacht sie mit einem Japsen, das ihr Sorgen macht. Überhaupt macht Dorothee sich nur noch Sorgen. Was würde mit Timo geschehen, wenn ihr etwas passieren würde? Wer wäre für ihn da? Wie würde es dann weitergehen?
Um das Zubettgehen hinauszuschieben, liest Dorothee seit Neuestem bis tief in die Nacht Bücher, für die sie sich früher geschämt hätte. Leichte Lektüre ohne Anspruch, vorhersehbar und immer mit gutem Ausgang. Die Autoren haben so wohlklingende Namen wie ihre Protagonisten, und Dorothee stellt sich vor, wie das Leben der Autoren vorhersehbarer Lektüre wohl verliefe. Vorhersehbar bestimmt nicht, glaubt sie.
Nichts war vorhersehbar.
Neulich im Wartezimmer während Timos Ergotherapie hielt sie eine Broschüre in der Hand, die das Tragen von Fahrradhelmen empfahl. Die Bilder zeigten gesunde Kinder mit lustig verzierten Helmen auf dem Kopf. Dorothee schlug das Heft zu und musste plötzlich heulen. Der Rotz lief ihr über den Mund und sie dachte, dass der Helm Timo auch nichts genutzt hatte. Ihre Schuhe scharrten auf dem grauen Linoleum, und als sich die Tür öffnete und Timo herauskam, hatte sie sich wieder im Griff und winkte fröhlich. Timo hatte nach ihrer winkenden Hand gegriffen und sie merkwürdig angesehen.

Dr. Karting kommt jetzt um den Schreibtisch herum und sagt: „Timo, die nächste Aufgabe wird dir leicht fallen. Du magst doch Tiere.“
Dorothee klopft das Herz bis zum Hals. Sie greift wieder nach Timos Hand.
Die Ärztin hält Timo eine Bildertafel vor und deutet auf die erste Abbildung.
„Was für ein Tier ist das?“ Sie legt den Zeigefinger auf eine Giraffe.
Timo ist unruhig.
„Kameeel“, sagt er und Dorothee hält seine Hand fest.
„Und dieses Tier?“ Dr. Kartings Finger wandert zu einem Pferd.
„Esel“, sagt Timo wie aus der Pistole geschossen und reibt sich mit der gesunden Linken das Auge, während Dorothee ihn erstaunt von der Seite anschaut. Timo erkennt normalerweise jedes Tier.
Dr. Karting fragt ungerührt: „Und dieses hier?“
Ihr Finger deutet auf einen Elefanten. Es ist ein großer Elefant mit einem lächelnden Gesicht und feuchten, sorgenvollen Augen. Sein Rüssel neigt sich Timo entgegen. Dorothee hält die Luft an, als Timo mit seiner Linken auf das Bild tippt und den Elefanten vorsichtig am Rüssel streichelt. Timos Blick ist zärtlich. Dann schüttelt er den Kopf.
„Na komm, Timo. Das Tier kennst du doch“, sagt Dorothee und lächelt aufmunternd.
Und da sieht Timo Dorothee an, seine linke Hand legt sich an ihr Gesicht und er sagt:„Mama.“

Erschienen in: Die Sachensucherin: 55 Kurze Geschichten, August 2015, Klartext Verlag