Pläne

Ich sehe Sten an der Ampel, mein Herz klopft, obwohl ich ihn kaum wiedererkenne. Er hat dieselbe Jacke an wie damals, aber längeres Haar und einen Bart. Ich überlege, wie lange es her ist. Ein sehr langes Jahr.
Oft habe ich gehofft, ihn zu treffen. An der Kasse im Supermarkt, im Antiquariat, über dem er wohnt, an der Ampel oder beim Bäcker. Aber ich habe jetzt einen anderen Rhythmus als früher, denke ich, und schaukele den Kinderwagen vor mir, in dem das Kind endlich schläft. Wenn ich auf Stens Platz am Küchentisch sitze, höre ich manchmal noch sein fremdes Klingeln an der Tür. Aber jetzt ist es immer bloß der Postbote oder die Müllabfuhr.

Damals hatten Sten und ich eine Abmachung. Wenn Sten neben mir herging, seine großen Füße den Staub der Jahreszeiten aufwirbelten, setzte sie sich in den Vierklang unserer Schritte und auf den Takt unserer Wege, die wir nicht planten, uns stattdessen auf ihnen treiben ließen. Entlang der Seen in der Umgebung oder durch die Kneipen der Stadt, von seiner Wohnung zu meiner, zwischen unseren Sätzen oder in den Sitzen der Kinos, deren Filme kommentarlos an uns vorbei rauschten. Kein Plan lautete die Abmachung. Keine Ernsthaftigkeit, keine Realität, keine Dramatik, kein Zwang. Einfach unkompliziert.

Wir sprachen nie über das, was wir außerhalb unserer Treffen erlebten oder über uns, unsere Gefühle, unser Zusammensein, geschweige denn über die Zeit, die wir mit den anderen verbrachten, unseren Partnern. Es war unbedeutend. Ich erfuhr nie, womit Sten seine Zeit verschwendete, sein Geld verdiente und selbst wenn, wäre es nur ein Wort gewesen. In meiner Vorstellung abstrakt, eine Tätigkeit ohne Bild.
Sten selbst fragte nie, was ich machte und es war mir recht. Vielleicht hätte es sein Bild von mir in eine Richtung gebeugt, die mir oder ihm nicht gefallen hätte. Gemeinsame Zeit zu vertun, indem man nacherzählte, berichtete oder sich über etwas beschwerte, an dem der andere nicht Teil genommen hatte, etwas, das nicht in den gemeinsamen Moment gehörte, schien kompliziert und war gegen die Abmachung. Wir nutzten unsere Stunden nur mit dem, was uns verband. In dem Moment.

Sten kam zwei- dreimal die Woche und klingelte wie der Postbote oder die Müllabfuhr, immer wie ein Fremder nur ein Mal. Ich öffnete und schon auf der Treppe lächelte er zu mir hinauf in die offene Tür. Dabei sah er mir nie in die Augen. Das irritierte mich anfangs, aber gefiel mir bald und manchmal vergaßen wir uns zu umarmen. Es war egal. Es machte keinen Unterschied. Es war sogar besser, sich nicht zu berühren. Es war mir irgendwie lieber.
Er ging voran in die Küche und setzte sich auf den Stuhl, auf dem sonst nur mein Freund saß. Mit Sten auf diesem Platz fühlte es sich besetzter an. Ausgefüllter vielleicht.
„Ich habe dir etwas mitgebracht“, sagte er dann und ich schaute ein bisschen tadelnd, damit er mir meine Freude nicht gleich ansah.
„Das sollst du doch nicht machen.“
„Nur eine Kleinigkeit“, meinte er und holte eine Flasche Wein aus der Tasche und ein Buch aus dem Antiquariat oder eine CD. Einmal brachte er einen Stein. Einen aus dem letzten Urlaub mit seiner Freundin.
„Ich habe ihn für dich aufgehoben und ihn in der Jackentasche mit mir herumgetragen.“ Er schob mir den Stein zu. „Sie nennen sie Hühnergötter und sie bringen Glück.“
Der Stein war schwarz und glatt bis auf ein weißes, vertieftes Muster darauf. Ein Auge, sagte ich gerührt und betrachtete es. Damals entstand in meinem Bauch plötzlich ein Kribbeln. Kompliziert zu beschreiben, aber es war ein Kribbeln.
„Ja, ein Auge.“ Er stand auf und suchte in meiner Schublade nach einem Korkenzieher.
„Ich hasse deine Unordnung“, sagte er und meinte es nicht so.
„Ich auch“, erwiderte ich erleichtert über die Ablenkung, und fand den Korkenzieher mit einem Griff.

Wir tranken den Wein zu schnell. Er wirbelte uns im Kopf herum wie die Worte, die wir so dahin sagten. Wir tranken gern zusammen und zu viel und versuchten es vor uns zu verstecken, das Betrunkensein an uns. Dann bekamen wir Hunger. Es gab immer Knäckebrot oder Spaghetti mit Tomaten bei mir, bevor wir ausgingen, uns Plätze zwischen den anderen in der Nacht suchten und weiter tranken.
„Ich mag ihren Hintern.“ Wir saßen auf dem Sofa in einer Kneipe und ich zeigte auf eine Frau vor uns am Tresen.
„Er sieht aus wie ein Herz.“
„Ein Zeichen“, fand Sten. „Soll bestimmt was Kompliziertes bedeuten.“
„Mein Herz ist am Arsch, bedeutet es“, sagte ich und lachte.
Sten antwortete: „Kein Wunder. Das mit der Liebe ist sowieso bloß eine späte Erfindung der Kultur.“
„Versteh ich nicht,“ sagte ich und schnipste kleine Stückchen Zitronenfleisch von meinem Glasrand.
„Na, alle Tiere machen es von hinten, also warum soll das beim Menschen anders gewesen sein? Also fiel der Arsch als erstes ins Auge: Schau, ich bin gut für deine Nachkommen. Um mehr ging es nicht.“
„Okay, und was hat das jetzt mit Liebe zu tun?“, fragte ich.
„Na eben gar nichts. Bis dahin. Dann aber kamen die Missionare mit der Missionarsstellung,“ erklärte Sten. „Die zwangen die Menschen, sich beim Paaren in die Augen zu schauen, das Animalische zu verdrängen, um in eine innere Verbindung zu treten und sich zu lieben.“
Er trank sein Bier aus.
„Um so eine Art Unverwechselbarkeit hinzuzufügen. Ich meine nur dich und bin monogam mit Dir. Kultur pur.“
„Die Missionare haben also die Liebe erfunden?“, fragte ich und verschluckte mich fast an meinem eigenen Lachen.
„Genau“, grinste er. „Die Missionare mit ihrem Zwang, sich in die Augen gucken zu müssen.“
„Interessante These“, fand ich.
„Voll geniale These“, meinte Sten.

„Sieht aus, als wollen deine Tomaten zu mir“, hatte Sten hinter mir an der Supermarktkasse gesagt und dabei ausgesehen, als hätte er zwei Nächte durchgefeiert. Ich hatte die Tomaten einzeln auf das Band gelegt, weil es keine Tüten mehr am Gemüseregal gab. Mit der Bewegung des Bandes kullerten sie zwischen sein Klopapier und die Tütensuppen.
„Ist ein Zeichen“, sagte ich und sah auf seinen gemüsefreien Einkauf.
„Bestimmt was Kompliziertes“, meinte Sten und ich drehte mich um und dachte: Cool, ein Spinner.
Als ich an dem langen Fenster meine Einkäufe in den Rucksack packte, kam Sten zu mir, hielt mir eine Rolle Multivitaminbonbons hin und fragte: „Magst du Obst?“
Ich nahm ein Bonbon, steckte es in den Mund und zeigte auf die Ketchupflasche im Einkaufswagen: „Mag sogar Gemüse.“
Und da lächelte er zum ersten Mal sein Sten-Lächeln.

Das war also Sten. Wir stellten fest, dass er nur zwei Häuser weiter über den Hof wohnte. Er war also quasi ein Nachbar, weshalb ich vorschlug: „Komm mit hoch, ich koch uns was.“ Und er kam mit.
In der Küche saß er breitbeinig und schaute mir auf den Hintern, während ich vor dem Herd die Tomaten in der Pfanne quetschte und mit Ketchup überschüttete.
„Es gibt Spaghetti“, erklärte ich. „Was anderes ist nur theoretisch möglich.“
„Praxis ist gut“, sagte er.
In der Praxis schmeckte die Soße irgendwie eklig, also schmierten wir Butter über die Spaghetti und ließen die Soße bis zum Morgen in der Pfanne eintrocknen, während wir in der Küche saßen und redeten, bis es dunkel und wieder hell wurde.

In den folgenden Monaten sahen wir uns zunehmend häufiger. Sten erzählte nichts von seiner Freundin und lange stellte ich sie mir blond, hübsch und ein bisschen naiv vor. Als ich die beiden einmal zufällig auf der anderen Seite der Straße entdeckte, sah ich, dass sie rothaarig und gar nicht naiv wirkte. Nur hübsch war sie. Die beiden bemerkten mich nicht und ich war froh deswegen.
Für einen kurzen Moment hatte ich das Gefühl, dass es falsch sei, was Sten und ich geschehen ließen und dass es die Sache kompliziert machen könne. Auch, wenn eigentlich nichts geschah zwischen uns. Außer einem Händedruck dann und wann oder einem Lächeln über andere Leute hinweg, das uns verband. Dort mit dem Blick auf seine rothaarige Freundin schien es plötzlich trotzdem falsch.

Aber Sten lächelte wieder auf der Treppe und brachte mir ein Buch von einem russischen Verrückten und wollte mit mir zu russischer Musik tanzen gehen und Vodka trinken und alles war wieder richtig.
„Partnertag“, wiederholte Sten manchmal am Telefon, wenn ich ankündigte, meinen Freund zu treffen. Ich sagte: „Ja“, und das ohne schlechtes Gewissen Sten gegenüber. Ohne etwas vertuschen zu wollen oder Vermeidung einer Eifersucht, die es bei ihm nicht geben konnte, denn wir wussten ja, wo wir hingehörten. Alles war von vornherein klar und ausgeglichen. Unglaublich toll unkompliziert.
Und dann änderte sich etwas.

Anfangs fiel mir auf, dass Sten mehr Zeit hatte als ich. Allein das gab mir zu denken und verunsicherte mich. Unkompliziert wäre jetzt, mal nachzufragen, dachte ich.
„Und du so“, fragte ich daher harmlos, wenn ich wieder einmal absagen musste.
„Och nichts weiter“, war die Antwort, „vielleicht ein Film und ein Bier.“
„Dann viel Spaß dabei“, wünschte ich fröhlich. Am anderen Ende der Leitung blieb es still.
Nach ein paar Wochen sah mir Sten auf dem Sofa in der Kneipe plötzlich in die Augen und dann sah es tatsächlich so aus, als wollte er mich küssen. Ich war so erschreckt, dass ich begann, etwas von mir zu erzählen. Vielleicht war es eine Übersprungshandlung oder ein Ablenkungsmanöver, aber ich erzählte von meiner Arbeit, von meinen Eltern und sogar von meinem Freund. Als ich spürte, dass Sten mich immer noch so ansah und sich bei mir das Kribbeln im Bauch wieder einstellte, verschwand ich schnell aufs Klo.

Sten wurde anhänglicher, drängender, kam öfter, blieb länger und schien etwas zu erwarten. Und damit rumorte und kribbelte es zunehmend häufiger. Das Kribbeln wanderte höher und irgendwann stand es mir ins Gesicht geschrieben, sodass er an einem Abend auf der Parkbank am See plötzlich fragte: „Alles ok mit dir?“
Ich schüttelte den Kopf: „Irgendetwas stimmt nicht.“
Sein Blick war sofort besorgt. „Was soll denn nicht stimmen?“
„Keine Ahnung“, sagte ich und legte den Kopf schief. „Es hat sich etwas verändert. Wie ein Detail in einem Bild, das so störend ist, dass es die ganze Komposition versaut.“
„Kann ja nicht sein. Komposition bedeutet Plan“, sagte er und grinste.
„Aber nein“, fand ich ein bisschen zu entrüstet. „Komposition entsteht auch manchmal einfach so.“
Sein Schweigen daraufhin war unerträglich. Geradezu erdrückend. Es setzte sich mir an den Hals und drückte zu. Ich bekam Angst. Und ich wurde wütend. Irgendetwas lief hier schief. Ich verstand nicht was es war, denn es schien kompliziert. Und das war gegen die Abmachung. Ich wollte einfach gehen, bei meinem Freund klingeln und sagen: „Ich hatte Sehnsucht nach dir, nimm mich in den Arm.“
Sten nahm stattdessen meine Hand und ich spürte, dass sie klebrig war. Das verstärkte den Fluchtimpuls. Ich wollte weg. Sofort. Fort und nie wieder sein fremdes Klingeln hören, nie wieder seine breiten Beine auf meinem Stuhl sehen, nie wieder Bücher und Wein und den Moment. Nie wieder Sten. Ich wollte zu meinem Freund und in Sicherheit sein.
Und dann machte ich den Fehler. Ein Impuls, dem ich nicht widerstehen konnte. Ein Angriff zur Verteidigung des sicheren Plans.
„Ich will mit meinem Freund zusammenziehen“, sagte ich und meinte es gar nicht wirklich.
Einen kurzen Moment war es, als hätte ich ihn mit einem Holzhammer getroffen, bis er mich festhielt und mir in die Augen sah. Dann küsste er mich und sagte: „Das war aber mein Plan mit dir.“
Ich machte mich los, stand auf und dann lief ich. Ich lief einfach davon.

Jetzt springt die Ampel auf Grün und ich laufe auch. Meine Schritte sind lang und schnell hinter dem Kinderwagen. In meiner Jackentasche halte ich den glatten Stein mit dem Auge in der Hand. Ich habe ihn damals weggesteckt wie das Gefühl zu Sten. Während wir aneinander vorbeigehen, streift mich sein Blick. Einen kurzen Moment schaut er mich an, aber sein Gesicht zeigt keine Reaktion. Sten erkennt mich nicht. Ich bin eine Fremde geworden.
Auf der anderen Seite der Straße rollen mir Tränen über das Gesicht und ich frage mich, wie es mit Sten und mir ohne unsere Pläne geworden wäre.

Isobel Markus