Wolken

 

Am Rand des Lebens klafft ein Loch. Es ist versteckt, man sieht es nur, wenn man genau hinschaut oder die Wolken davor etwas beiseite schiebt. Aber es ist da, und man weiß es.

 

Die Gabel berührt seine Lippen und sie hasst das Geräusch, das die Zähne auf dem Metall machen. Mechanisch, als würde er lieber nicht den Mund schließen, widerwillig, als wäre ihr Essen nicht nach seinem Geschmack oder als hätte er schon gegessen und sie sich keine Mühe gegeben.

Dann, wenn er nach Hause kommt wie zu einem Pflichttermin. In das Zuhause zu ihr wie ein Besucher, wie zu einer Stippvisite, wie zu seinen Rufdiensten, die er schiebt, ständig und immer. Rufdienste zu der Anderen, seiner Familie. Rufdienste zu seinen Patienten. Rufdienste zu ihr. Dass sie ihn schon länger nicht mehr rief, schien ihm nicht aufzufallen, weil er einfach kam, wie er kam, aus Gewohnheit. Und dann widerwärtig kaute.

Sie sieht ihn an und bemerkt ein Barthaar, das übrig blieb, übersehen in dem glatt rasierten Gesicht, das mit den Bewegungen des Kiefers vor und zurück rückt. Herausziehen würde sie es gern, langsam und mit der Wurzel. Es würde schmerzen und er wäre entrüstet, aber das käme ihr gerade recht.

Zusammen schlafen würden sie. So wie immer, wenn er da war, nichts sagte, nichts erzählte, bloß mit den Zähnen auf der Gabel entlang schabte und sie beim Kaffee nach dem Essen auf seinen Schoß zog. Sie würde es erst zulassen und später mögen. Dennoch mögen. Obwohl sie es nicht mehr wollte, es mögen, ihn mögen, Mögen überhaupt. Trotz allem, trotz der gemeinsamen Zeit, warum auch immer.

Nachher duschte sie ihn sich regelmäßig vom Körper. Sie benutzte viel Seife, sobald er gegangen war, weil er kaum mehr eine Nacht blieb, anders als früher. Aber so hatte sie es schließlich gewollt.

Unter der Dusche schwor sie sich jedes Mal, sie würde nicht mehr mit ihm schlafen, stattdessen etwas sagen. Wegen des Jungen. Er hatte bald Geburtstag.

Vorhin hatte sie noch daran gedacht, es sich fest vorgenommen mit dem Finger auf dem Drücker, schon bevor er geklingelt hatte. Dingding-DING, der Ton. Seit einem Jahr der beschissen gleiche Klingelton, den sie nicht mehr hören konnte und der den Jungen aufweckte, vielleicht. Dingding-DING, der Ton, von dem sie dachte, er würde bei sich zu Hause genauso klingeln, denn er war ein Gewohnheitsmensch. Er zog seine Kleidung in immer gleicher Reihenfolge aus. Erst das Hemd, es war weiß oder blau kariert, dann die Socken und erst zum Schluss die Hose. Einmal versuchte sie ihm gleich in der Tür die Hose zu öffnen, nur um ihn zu ärgern. Er hatte abgewehrt, gesagt: Lass mich erst mal ankommen.

Mach dir nichts vor, ankommen ist nicht deins, hatte sie gedacht.

 

Er brachte Blumen und ihr kam in den Sinn, er hätte etwas wieder gutzumachen. Blumen gegen das schlechte Gewissen.

Sobald er gegangen war, ließ sie die Blumen verschwinden. Sie schmiss die Sträuße in den Mülleimer, kopfüber in die Tüte zu den Windeln und den Kaffeefiltern. Manchmal stand sie noch eine Weile davor, betrachtete die abgebrochenen Köpfe mit Genugtuung oder hackte noch einmal mit der Schere nach, bevor sie duschen ging. Der Kleine sollte keine Spuren von ihm sehen, nicht mehr nach ihm fragen. Die Blumen waren ein Zeichen.

An anderen Tagen schlug sie die Sträuße von außen gegen die Balkonbrüstung, bis es Blüten und Blätter regnete. Das sah hübsch aus von oben, vom 5. Stock, und es entspannte sie, den Blättern beim Fallen zuzusehen. Einmal hatte er sie dabei erwischt. Er hatte etwas vergessen, war zurückgekommen, parkte das Auto und sah sie, die Frau Holle der Platte. Im Flur fragte er, ob er etwas falsch gemacht hätte, den Blick auf der Hut, seine Stimme hallte. Aber nein, hatte sie gesagt und einen merkwürdigen Geruch erwähnt. Er schaute zweifelnd und schenkte fortan andere Blumen. Dabei liebte sie weiße Lilien.

Jammerschade ist das ja sonst, sagte die von unten, die ihren Balkon regelmäßig fegte und sich über die Sträuße freute, die sie ihr ab und zu als Wiedergutmachung vorbei brachte. Dann, wenn sie sogar des Blumenregens überdrüssig war.

So ein Rosenkavalier, sagte die von unten an der Tür auch noch, zwinkerte mit den Augen und gab ihr im Gegenzug eine Tafel Schokolade. Für den Zwerg. Sie bedankte sich, murmelte etwas von der Blumenallergie des Kleinen und nahm die Treppe mit schweren Schritten.

 

Er legt Gabel und Messer auf dem Teller zusammen und faltet die Hände. Mit gefalteten Händen hatte er ihr auch damals hinter seinem Schreibtisch gegenüber gesessen, in dem weißen Raum in der Klinik. Sie hatte auf die Kante der Glasplatte und auf die Fotos der Kinder hinter ihm geschaut, während er mit dem silbernen Kugelschreiber Notizen in ihrer Akte machte. Als das Telefon klingelte, kam der Moment, in dem es geschah, meinte sie später. Sie dachte noch oft an diesen einen Blick. Seine Hand rieb die Stirn, während er in den Hörer sprach und sie sah die schönen Finger mit dem schmalen Ring und den kurzen Nägeln, die kreisenden Bewegungen und plötzlich wollte sie, dass er sie mit diesen Fingern berührte, anfasste, packte. Sie und nur sie wollte sich von ihm packen lassen. Als er hoch sah, bemerkte sie wie dunkel seine Augen waren, als wäre man auf dem Weg in einen Tunnel ohne Licht und sie verlor kurz die Orientierung.

Später überlegte sie, ob er es da schon gewusst hatte – und was genau eigentlich. Dass sie ihn für sich wollte oder dass er sie wollte oder beides gleichzeitig. Und sie überlegte, ob es nicht egal war.

Als sie ihn nach ein paar Tagen abends in diesem Café sah, passte sie ihn unauffällig vor den Toiletten ab und tat überrascht. Er schien erfreut und hatte gleichzeitig etwas Abschätzendes in den Augen, bis sie gemeinsam aus dem Café gingen, eine stumme Absprache treffend. Er war verhalten und leise im Flur, dachte, der Junge liege hinter der bunten Tür und schliefe. Als wäre es sein Kind, als würde es ihn etwas angehen, dachte sie noch und sagte: Er ist bei meiner Schwester. Er nickte.

Als sie nebeneinander lagen, das Laken auf ihrem Rücken klebte, wie an der Haut ihrer Schenkel, fühlte sie sich unfassbar. Leicht und voll zugleich. Sie schloss die Augen und der Traum fiel ihr ein. Im Schwindel erwachte sie seit Jahren aus Bildern, die sich ihr den Tag hindurch in den Kopf bohrten. Zwei Körper, Formen, ähnlich komplizierten Teilen eines Puzzles, bewegten sich in einem Raum aufeinander zu, umkreisten, drehten sich, berührten und lösten sich wieder auf der Suche nach Anschluss, nach der Stelle, an der sie zusammengehören würden. Sie fanden sie nicht. Nacht um Nacht beobachtete sie das Suchen ohne Finden, das Versuchen und Probieren, in der Hoffnung, es würde passen. Diese Hoffnung wurde groß, verwandelte sich in ein Drängen, ein Bersten, in eine Erregung, die sich nicht entladen konnte, stattdessen blieb und rumorte.

Neben ihm, die feuchten Strähnen auf der Stirn, den süßlichen Geruch der warmen Körper in der Nase, das Gesicht mit den geschlossenen Lidern abwechselnd zur Decke gestreckt oder ungläubig in seiner Achselhöhle versteckt, hatten sich die Formen gefunden. Endlich.

Später in der Tiefe seiner Atemzüge, stand sie auf und sah sich im Spiegel wie eine Unbekannte. Als wäre sie neu, besser, hübscher mit den glänzenden Augen, den roten Wangen, dem verstrubbelten Haar und dem Nachthemd, dessen Träger ihre Brust nur halb bedeckte. Sie konnte sich kaum losreißen. Auf dem Klo überlegte sie, ob es vielleicht nur an seiner Form lag, also eine organische Ursache hatte. Ob es genau die Form war, die für sie, für ihre Höhle perfekt gemacht war, sie vollkommen ausfüllte, wie ein Finger in einem Loch feuchter Erde.

In der Nacht saß sie auf der Kante des Bettes und beobachtete ihn, bis sein Pieper zum ersten Mal nach ihm rief.

 

Zwischen Wachen und Träumen hatten sie die Formen über Monate bis zur Erschöpfung gefunden, sich gegen den Schlaf gewehrt, der sie für Minuten oder wenige Stunden einzulullen versuchte, bis er gehen musste oder das Kind aufwachte. Abends kam er wieder, Ringe unter den Augen, für die sie keine Verwendung fand.

Der Junge gewöhnte sich an ihn und er brachte Geschenke mit. Blumen für sie und Süßigkeiten oder Spielzeug für den Kleinen. Dinge, die das Kind irgendwann erwartete, wie ihn an der Tür, hinter der sie gemeinsam warteten, wenn er zum Essen kam und das zunehmend oft. Gemeinsam am Tisch beobachtete sie, wie er dem Kind den Mund abwischte und sie danach ansah. Dann war es, als gehörte er hierher, obwohl sie ahnte, dass nicht gut war, was geschah. Nicht gut für den Jungen, nicht gut für sie. Aber sie war zu schwach, es nicht zuzulassen.

Eine graue Wolke brachte den Geruch nach Regen mit sich, drängte ihr die Fragen auf, die sie ihm nur stellte, wenn sie zu schutzlos war, um zu schweigen. Er beantwortete sie zögernd. Sie, sagte er und meinte die Andere, die Ahnungslose, seine Frau. Sie wäre sehr mit sich und den Kindern beschäftigt. Nebenher vor sich hin leben würden sie, jeder für sich, die Kinder ihre Berührungspunkte. Wenn er das sagte, entstand das Gefühl im Bauch, es kribbelte und wurde anschließend warm. Hoffnung. Große Hoffnung, die sich im Bett erfüllte, aber verschwand, sobald er aus der Tür gegangen war und sie sich allein aushielt in ihren zwei Zimmern dort oben.
Ich komme heute zu dir in dein Wolkenkuckucksheim schrieb er ihr einmal auf das Handy, und sie freute sich darüber. Erst später ärgerte sie der Satz und alles andere dazu.

Seine Geschenke wurden größer, nahmen Platz ein. Er brachte Unterwäsche, Kleider und sogar ein paar Ohrringe. Teure Dinge, die sie nur trug, wenn er kam, weil sie ihr eigentlich nicht gefielen. Neben ihm, die Finger in seinem Haar verfangen, fragte sie ihn zunehmend nach der Anderen, und sie fragte, ob er ihr ebenfalls Geschenke mitbringen würde. Er verneinte, sagte, die Andere hätte bereits alles. Erst da merkte sie, dass sie eigentlich nichts darüber hören wollte, stand auf und bereute, gefragt zu haben.

 

Irgendwann fuhr sie hin. Sie nahm den Bus und bemerkte, wie sich die Stadt mit jeder Station veränderte, wie beruhigt die Gesichter der Menschen, wie hoch die Zäune wurden, wie viel Grün vor und hinter den Häusern wuchs und wie groß und dunkel die Autos davor waren. An der Endhaltestelle stieg sie aus und war froh, dass der Kleine in der Karre eingeschlafen war. Sie nahm den Weg, den der Stadtplan ihr wies und mit jedem Schritt klopfte ihr Herz ein wenig lauter, bis sie schlucken musste. Das Haus war von Bäumen umgeben, man konnte nicht viel erkennen. Der Zaun war alt und aus Metall und auf dem Klingelschild stand sein Name, eingraviert mit geschwungenen Buchstaben. Sie starrte darauf und ihr wurde übel. Etwas steckte in ihrem Hals und im Kopf pulsierte es. Als sie ging, knirschten ihre Schritte zu laut, und mit der Furcht, bemerkt zu werden, wurde sie schneller. Hastig schob sie den mit Kiefernnadeln bedeckten Weg entlang, fort von dem Haus, und sie schämte sich. Sie schämte sich für ihre Eile und ihre Hoffnung und plötzlich schämte sie sich auch für den abgeschilferten Bezug des Kinderwagens und ihre abgetretenen Sandalen und für die Geschenke, die sie von ihm bekam. Sie wollte nur noch zu sich.

 

Für die nächsten Abende sagte sie ihm, er solle besser nicht kommen, sie hätten sich einen Virus eingefangen. Der Junge fragte nach ihm und sie erzählte, er sei verreist. Einsam vor dem Fernseher schwor sie sich, es zu lassen, das mit ihm. Sie müsse an das Kind denken. Sie redete sich ein, es wäre vorher besser gewesen, aber nachts im Bett rochen die Laken nach ihm und sie tat sich leid, weinte vor dem Badezimmerspiegel, bis sie beschloss, das Bett frisch zu beziehen.

Am nächsten Abend kam er und brachte Medikamente und Zitrusfrüchte, den Blick liebevoll und besorgt. Und sie wurde wieder schwach und weich und drängte das Bild des blanken Klingelschildes in ihrem Kopf weit nach hinten.

Doch das schale Gefühl und die Scham kamen zurück und mit jedem Geschenk, das er brachte, mit jedem Strauß Blumen und jeder Tüte Kekse für den Kleinen, drückte es sich mit Macht in den Vordergrund.

Ihr kam der Gedanke, dass er versuchte, sie zu kaufen und seitdem sie das blaue Kleid anprobiert hatte, kam sie sich wie eine Hure vor. Das Kleid hatte er ihr auf das Bett gelegt. Es war dunkelblau und fiel weich an ihrem Körper herunter. Elegant wie es war, fragte sie ihn scherzhaft, ob er sie darin groß ausführen wolle. Seine Miene veränderte sich und sie sagte schnell, das sei nur ein Witz gewesen. Als sie das Kleid anprobierte, sich darin sah, betrachtete sie sich wie eine Fremde. Das Blau stand ihr nicht, der Schnitt machte sie alt und sie spürte, dass es nie passen und sie sich auch nie an das Gefühl darin anpassen können würde. Verkleidet siehst du aus, dachte sie und blickte an sich herunter. Statt sich selbst, sah sie die Andere vor dem Spiegel stehen, deren Gesicht sie auf einem Foto in seiner Brieftasche entdeckt hatte. Damals war sie erschrocken, wie ähnlich die Andere ihr war. Auf dem Foto hätte man sie gut und gern für Schwestern halten können.

Das Kleid faltete sie und verstaute es in einer Tüte vom Discounter um die Ecke. Bei der nächsten Gelegenheit warf sie es durch die Klappe einer Altkleiderbox mit dem Wissen, dass es teurer war als all das, was sie in drei Monaten mit dem Kind zur Verfügung hatte.

 

Nach einem halben Jahr sagte sie ihm, es wäre besser, wenn er zukünftig erst nachts kommen würde, sobald das Kind schlafe. Sie würde nicht wollen, fügte sie trotzig hinzu, dass der Junge sich an ihn gewöhne und womöglich von etwas Festem ausginge. Sie wusste genau, dass es dafür schon längst zu spät war und hoffte insgeheim, er würde ihr widersprechen, ihr versichern, dass es eben doch etwas Festes sei und er sich wünschen würde, für den Kleinen da sein zu können. Aber er sagte nichts dergleichen, sah sie forschend an und nickte dann. Fortan kam er Stunden später und ging mitten in der Nacht, falls das Kind früher aufwachen sollte, sagte er und sie verstand und blickte zu Boden, wenn er sie zum Abschied auf die Stirn küsste. Sie blieb verletzt und gleichzeitig seltsam erleichtert hinter der Haustür. Erst der nächste Gedanke an ihn, an den Tagen bevor er zu ihr kam, wenn sie sich in die Küche stellte, um etwas zuzubereiten, bis er schließlich in alter Manier klingelte, brachte das Grollen, das mit jedem Mal lauter wurde.

Schlief sie mit ihm, war sie anfangs nicht mehr recht bei der Sache, versuchte Spuren der Anderen an seinem Körper zu entdecken bis sie sich schließlich fort treiben ließ von der Bewegung und dem Gefühl, dass es passte. Hinterher fühlte sie sich gut und schmutzig und benutzt zugleich und sie schwor sich, es sein zu lassen, ihm zu sagen, dass sie es beenden würde, in der Hoffnung, dass er sich für sie entschied, ohne dass sie von Entscheidung sprechen musste.

Der Junge hatte in einer Woche Geburtstag und wünschte sich einen Tag zu dritt. Sie hatte erschreckt geschaut als er es sagte, den kleinen Mund voller Brot und Wurst, und sie schüttelte unwillkürlich den Kopf. Das geht nicht, hatte sie gesagt und der Kleine verzog das Gesicht, fragte weinerlich: Warum nicht? Sie sah ihn an und wusste keine Antwort. Weil es nicht geht, sagte sie lahm und das Kind stand auf und vergrub den Kopf in ihrem Schoß. Eine Hand aus Blei legte sich auf sein Haar.

 

Abends stand sie an die Balkontür gelehnt und sah den Wolken über den Dächern zu. Wolken auf dem Weg. Müde im Vorbeiziehen, denn es gab kein Ankommen. Nie. Bloß den Weg. Immer. Der Weg ergab den Sinn.
Viel früher hatte sie das begriffen. Damals, nur wenig älter als der Kleine jetzt, hatte sie auf dem Rücken gelegen und die Wolken ziehen gelassen, die Umrisse nachzuzeichnen versucht und zu einem Ganzen zu fügen. Wolkenpuzzeln hatte sie es genannt. Eine nach der anderen puzzelte sie, bevor sie weiter zogen, sich auflösten, verschmolzen, wie die Gedanken in ihrem Kopf. Dabei überlegte sie, was schlimmer wäre, sich aufzulösen oder zu verschmelzen. Sie wusste es nicht. Sie wusste nur, dass keine Wolke zweimal an ihr vorbeiziehen würde. Auch jetzt nicht.

 

Er tupft sich noch einmal den Mund mit der Serviette ab und sagt: Hat der Junge nicht bald Geburtstag?
Sie nickt, derweil kratzt ihre Hand mit dem Messer kleine Kreise in die Soße auf dem Teller, bis eine Wolke ihr die Sicht versperrt.

Hat er einen Wunsch?, fragt er und schaut erwartungsvoll.

Sie nickt und sieht ihm in die Augen. Da ist er wieder, der Weg in den Tunnel ohne Licht. Sie räuspert sich und sagt: Er hat den Wunsch, mit mir allein zu feiern.

Und noch während sie ihre eigene Stimme hört, weiß sie es plötzlich. Sie weiß, dass sie sich lieber auflöst, als zu verschmelzen.

 

Erschienen In: Uferbefestigung, P. Rathke Verlag, 2011